| Erlebnisbericht von Boris Schweizer ( Rettungsassistenten/Vollzeitklasse November 2005) 0.23 Uhr. Schon seit Stunden jammert die ältere Dame; sie wollte schon nicht mehr daran glauben, dass noch Hilfe kommt. Um kurz nach elf Uhr, sie stand aus dem Bett auf um etwas zu trinken, da geschah das Unglück. Sie trat falsch auf und stürzte. Doch jetzt wendete sich das Blatt. Ihre Nachbarin hatte sie gehört, als sie ihren Fernseher abschaltete. Sie stand vor der Tür und rief die magischen Worte: "Ich ruf den Rettungsdienst!" Pieeep, "Einsatz, Person in Not, Unfall in Wohnung, es fährt RTW 01/83/01!"Pieeep "Hä! Wer oder was bin ich, und wo?!" Nur langsam wurde mir bewusst, was gerade geschah. Ich möchte Rettungsassistent werden, ausgebildet vom BBW e.V. (Potsdam) in der Zeppelinstraße 152. Und momentan befinde ich mich in Berlin, auf einer Feuerwache, wo ich mein Praktikum absolvieren. Und ich habe gerade einen Einsatz bekommen! Sekunden nur; Hose hoch, Schuhe zu, Jacke greifen. Da ist es; Herzklopfen! Egal; raus aus dem Schlafraum, ab ins Treppenhaus, von da in die Fahrzeughalle, Tor öffnen! |
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| Fast gespenstig verlässt der Rettungswagen die Wache, das Blaulicht flackert, es ist Eile geboten,
aber man hört nur den Motor. Die Strassen sind menschenleer und dunkel. Nur der nasse Asphalt
glitzert im Scheinwerferlicht. Und so sitzen wir schweigend im RTW. Manuel der Fahrer und
Rettungssanitäter, hochkonzentriert, wissend was von ihm abhängt, René mein Vorbild und
Lehrrettungsassistent, ein Mann wie ein Baum, dessen Nerven stark wie Stahl sind, und eben ich
selbst. "Halte aus" schoss es mir durch den Kopf. "wir sind auf dem Weg." Erst jetzt begriff ich
wirklich, was mein Klassenlehrer, Herr Behrend, meinte, als er sagte, dass dieser Beruf einen
jeden Tag aufs Neue überrascht und über sich selbst hinaus wachsen lässt! Das war schon etwas anderes als die Theorie in der Schule! Mit den Rettern zu fahren, Profis, die kaum Herzklopfen verspüren. Ruhig, ja fast gelassen arbeiten sie, doch dafür umso effektiver! Männer und Frauen, die den Kampf gegen den Tod führen als ginge es um ihr eigenes Leben. Ob bei Schnee, Gewitter, Sommerhitze oder bei Nacht und Regen. Wenn der Alarm kommt, sind sie zur Stelle, jederzeit und überall. So auch in dieser Nacht. Die dankbare Frau, die einen Beinbruch beim Sturz erlitt, wurde von mir unter den wachsamen Augen meiner Ausbilder fachgerecht versorgt und anschließend von uns ins Klinikum gebracht. Ein wenig erschöpft fiel ich spät in der Nacht wieder ins Bett. Doch die Müdigkeit blieb aus. Schade dachte ich. Die letzten Wochen waren die mit Abstand interessantesten meines bisherigen Lebens. Ich habe viel Leid und auch Trauer gesehen. Doch nie mit dem Gefühl der Hilflosigkeit verbunden. Stets trug ich meine rote Jacke, meine Ausrüstung und mein Fachwissen. Und zusammen mit dem Rettungsteam war ich somit immer in der Lage, aktiv einzugreifen und zu helfen. |
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Das eröffnete mir eine völlig neue Perspektive und führte dazu, mich selbst besser kennen zu
lernen. Ich lernte Dinge, die ich vorher so nicht gekannt hatte. Und ich erfuhr wirklich sehr
viel Dankbarkeit. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und mit jedem Einsatz
verstärkte sich dieses Gefühl. Doch dies ist meine letzte Schicht. Die nächsten drei Wochen verbringe ich wieder im Brandenburgischen Bildungswerk für Medizin und Soziales e.V., um mein Wissen zu festigen und Neues zu lernen. Natürlich bin ich gespannt, wie es meinen Mitschülern so ergangen ist. Sicher haben auch sie viel erlebt. Gespannt bin ich auch schon auf das daran stattfindende Praktikum im Städtischen Klinikum Brandenburg. Doch fehlen wird mir die jetzige Zeit trotzdem. Die Kollegen, die mich voll in ihr Team aufnahmen, die vielen unterschiedlichen Einsätze und die Kinder am Straßenrand, die sich die Ohren zuhalten oder winken, wenn wir mit Sirene und Blaulicht an ihnen vorbeifuhr. Und auch mein Zugführer, Gerhard Scholz, der mich mit seiner ruhigen und besonnenen Art immer beeindruckt hat, wird mir fehlen. Aber am allermeisten,… Pieeeep, "Einsatz. Medizinischer Notfall. Schwere Atemnot... Schuhe zu, Jacke greifen und los .....; Potsdam, 15. Mai 2006 Boris Schweizer Bericht aus der "events" 06.2006 www.stadtmagazin-events.de |
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